»The official cinema all over the world is running out of breath. It is morally corrupt, esthetically obsolete, thematically superficial, temperamentally boring […]. In joining together, we want to make it clear that there is one basic difference between our group and organizations such as United Artists. We are not joining together to make money. We are joining together to make films. We are joining together to build the New American Cinema. And we are going to do it together with the rest of America, together with the rest of our generation.«[1] So lautete das erste Statement der New American Cinema Group im September 1962. Kooperativen wie Canyon Cinema oder die New York Filmmakers’ Cooperative bildeten ein Modell für jene Gruppen, die für eine unabhängige Produktion, Kooperation und Distribution stehen.

Durch ein kurzes Interview mit Heimo Bachstein anlässlich einer Ausstellung der Ruhr-Universität Bochum ist bekannt, dass er sich für Filme von Andy Warhol interessierte, weil »die ganz anders waren«.[2] In Mannheim auf dem Internationalen Filmfestival lernte er Jonas Mekas’ Bruder Adolfas, der dort Jurymitglied war, sowie viele andere Filmemacher aus den USA kennen. In unserer Arbeit im Archiv konkretisierten sich diese Hinweise. Zufälliger konnte der Fund nicht sein: In einer Klarsichtfolie entdeckten wir eine Reihe von Postkarten, Briefe an und von bedeutenden US-amerikanischen Avantgarde-Regisseuren und Materialien, die Bachstein versucht hat selbst zu erwerben.

Neben den ersten Jahrgängen von Andy Warhols Zeitschrift Interview (1969-1970) sind auch 12 Ausgaben der Canyon Cinemanews und Einzelhefte von Film Culture im Archiv zum Vorschein gekommen. Zudem ist eine Publikation der Universität Hamburg zum New American Cinema aus dem Jahre 1967 und ein Katalog zu Jonas Mekas’ Ausstellung (2008) aufgetaucht, ver­sehen mit einer persönlichen Widmung an Bachstein. Die hier ausgestellten Exponate geben einen kleinen Einblick in die amerikanische Avantgarde-Filmkultur und das persönliche Interesse Bachsteins.

Michel Auder, Jonas Mekas and Andy Warhol at the opening of Anthology Film Archives, November 30, 1970. Photo: Mike Chikiris

Michel Auder, Jonas Mekas and Andy Warhol at the opening of Anthology Film Archives, November 30, 1970. Photo: Mike Chikiris

Exponate:
IX.1 „ Film Culture – America’s Independent Motion Picture Magazine, No. 42 FALL 1966
IX.2 „ Brief von Adolfas Mekas an Bachstein,15. Januar 1972
IX.3 „ Brief von Adolfas Mekas an Bachstein, 15. Januar 1973
IX.4 „ Canyon Cinemanews, 1970, Ausgaben: #70-1 und #70-2
IX.5 „ Postkarte von Bruce Baille an Bachstein, vermutlich Dezember 1969
IX.6 „ Brief von Bachstein an Bruce Baille, 29. Dezember 1969
IX.7 „ Brief von Jane Brakhage (Ehefrau von Stan Brakhage) an Bachstein, 27. August 1971

Something had to be done… – Dieser Ausspruch von Jonas Mekas[3], einem der einflussreichsten Prota­­gonisten des Experimentalfilms seit den 1960er-Jahren, kann als Charakteristikum für das New American Cinema gesehen werden. Die Bewegung in Richtung künstlerischer Freiheit mit einer neuen ideologischen und ästhetischen Ausrichtung und der Etablierung einer Alternative zu Hollywoods Kommerzialisierung und Vereinheitlichung setzt sich zunächst in den Städten wie New York City und San Francisco durch. Die Dringlichkeit nach einer Neuorientierung der amerikanischen Filmlandschaft war stark zu spüren: Eine alternative Filmsprache war geboren.

Jonas Mekas (*1922) und sein Bruder Adolfas (*1925) kamen 1949 aus Litauen nach New York. Die Lebensentwürfe der Brüder sind eindeutig: mit einer ungeschwächten Faszination für den Film und für unkonventionelle Werke (nicht zuletzt war Adolfas Mekas in der neo-dadaistischen Fluxus-Bewegung engagiert) gründeten sie schließlich 1954 das amerikanische Filmmagazin Film Culture mit dem Untertitel Americas Independent Motion Picture Magazine. In seinen Anfängen auf Europa fokussiert, wandte es sich schon bald ausschließlich der amerikanischen Avantgarde zu. Eine erste wesentliche Entwicklung zeigt das folgende Statement von Jonas Mekas:

»On September 28th, 1960, some 23 independent filmmakers, including myself, met in New York and decided to create a self-help organization which became known as the New American Cinema Group. The Group held monthly informal meetings and discussed dreams and problems of independently working filmmakers. Several small committees were created in order to explore the financing, promotion, and distribution of our films. My own assignment, besides that of serving as the President of the Board — was to investigate new methods of distribution.«[4]

Die Präsenz dieser Filmbewegung wurde auch in Marktheidenfeld bemerkt. Bachstein hat schon lange Kontakt zu den Filmemachern der USA: Stan Brakhage, Bruce Conner, Carmen D’Avino, Piero Heliczer (siehe die Exponate zu Piero Heliczer und der Dead Language Press) – und wie die Briefe zeigen – zu Adolfas Mekas. In den Jahren 1972/1973, schreibt Bachstein an Mekas mit der Bitte um Zusendung von Bildern. Im Brief vom 19. Januar 1973 schreibt Mekas: »this is the only thing I can find«. Was hat Bachstein bekommen? Ein Fund, den es im Archiv noch zu entdecken gilt…

Ein Name, der in diesem Rahmen immer wieder auftaucht, ist Andy Warhol. Seine Zeitschrift Interview wurde 1969 in New York gegründet und verfolgte u.a. auch stark die Entwicklung des New American Cinema (siehe Kopien im Ordner am Arbeitsplatz).

Die unkonventionelle Einstellung sowie die Etablie­rung einer Diskussions- und Verleihplattform für den avantgardistischen Film führte zu einem Lebensgefühl der besonderen Art – auch an der Westküste Amerikas. 1961 veranstaltete der Filmemacher Bruce Baillie in seinem Hinterhof Filmvorführungen. Neben Baillie ge­hör­­ten Bruce Conner, Don Lloyd, George Kuchar zur Canyon Cinema Gruppe. Die Filme – allesamt von lokalen Filmemachern – wurden von Ballies Küchen­fenster aus projiziert (35 mm Military Surplus). Offen für alle, die daran interessiert waren, stellte er Wein und Popcorn zur Verköstigung bereit. Vom Hinterhof in Canyon über Berkeley ließ sich Canyon Cinema schließlich in San Francisco nieder. Auch in der Canyon Cinema Coop (1966) zeichneten sich klare Linien ab:

»The ‚Coop‘ would not do any sort of advertising or promotion for particular films or filmmakers […], but the Cooperative’s job was to maintain prints, take orders from exhibitors, and provide a listing of available films, along with descriptions supplied by the film artists themselves, plus the Coops’s rental terms.«[5]

»We discovered a great logo, the front and back pen drawing of a beautiful guy from a nineteenth-century medicine catalog: The exothematic method of Cure. […]« (Bruce Baillie)

»We discovered a great logo, the front and back pen drawing of a beautiful guy from a nineteenth-century medicine catalog: The exothematic method of Cure. […]« (Bruce Baillie)


»Did you attend the British Coop show this month?« – Die Frage Baillies an Bachstein lässt vermuten, dass Bachstein sich auch für die Avantgarde in Europa interessierte.

Ayla Güney & Riccarda De Vico


[1] The film-makers’ cooperative: a brief history by Jonas Mekas, filmmaker & founder, online hier.
[2] Avantgardefilme. Gespräch mit Heimo Bachstein,   in: RUBENS, 6. Jg, Nr. 41, 1. Februar 1999, S. 3, online hier.
[3] The Film-Maker’s Cooperative: A Brief History, (wie Fußnote 1).
[4] Ebd.
[5] Scott MacDonald: Canyon Cinema: The Life and Times of an Independent Film Distributor, Berkeley: University of California Press 2008, S. 6.


Hier der Link zum Ausstellungs-Flyer zum Ausdrucken und Nachlesen: Something had to be done – The New American Cinema (PDF, 0,7 MB)

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