Dead Language Press

Exponate:

V.1 „ folding chair of the printing master. a catalog of items printed by the dead language 1963, 2 Seiten, 10 x 44,5 cm (Faksimile hier)

V.2 „ Angus MacLise: Year, dead language press, New York 1962, 11-fach gefaltete Broschüre, 11,5 x 23 cm

V.3 „ Jack Smith: The Beautiful Book, dead language Press, New York, 1962, 20 Seiten, 19 x 22,7 cm

V.4 „ Piero Heliczer: The First Battle of the Marne, dead language press, New York, 1962, 26 Seiten, 18,2 x 17,6 cm

V.5 „ Einladung zum »first preaux festival three moons of film poetry dance music love and peace« (Juni 1970), 15 x 13 cm

V.6 „ Postkarte von Piero Heliczer an Bachstein, 22. Juli 1970, 19 x 12 cm

V.7 „ Brief von Piero Heliczer an Bachstein, 14. August 1970, 2 Seiten, 21,5 x 28 cm


Nicht nur im gleichen Jahr, sondern auch im selben Monat wie Heimo Bachstein (im Juni 1937) wird Piero Heliczer in Rom geboren. Ab den späten 1950er Jahren tritt er in vielfältigen Rollen, unter anderem als Dichter, Underground-Filmemacher, Schauspieler, Mitglied der New Yorker Warhol-Familie, Produzent von außergewöhnlich gestalteten Büchern und Gründer der wenig erfolgreichen Paris Filmmakers Cooperative in Erscheinung. Er spielt mit in Jack Smiths Skandalfilm THE FLAMING CREATURES (1963), in seinen eigenen Filmen DIRT (1965) und JOAN OF ARC (1967, Soundtrack von Tony Conrad hier) tritt Andy Warhol auf.

»Among all the new movies (it has been quiet lately on the underground scene) Piero Heliczer’s Dirt touched me most deeply«, schreibt Jonas Mekas am 7. Oktober 1965 in der Village Voice, »Its beauty is very personal and lyrical. And every frame of it is cinema. I can do no justice to this beautiful work in one paragraph.«[1]

Heliczers Weg führt von Rom nach Washington, wohin seine Mutter mit ihm und seinem Bruder 1947 emigriert, dann über Harvard nach Paris, später nach New York, London und Amsterdam, schließlich nach Préaux-du-Perche, ein 600-Seelen Dorf im Departement Orne. Hier wird er 1993 im Alter von 56 tödlich mit dem Moped verunglücken und im Kreis der Dorfbewohner begraben. »Piero would invariably lose his possessions«, erinnert sich seine Halbschwester. »He didn’t stay in one place. […] He didn’t have a centre. He was between. You never knew where he’d be.«[2] Aus diesem nomadisch-rastlosen, meist am untersten Rand des Existenzminimums, teils in buchstäblicher Obdachlosigkeit gelebten Leben erreichen Heimo Bachstein gelegentlich Postkarten und Briefe.

Zwischen 1957 und 1971 betreibt Heliczer den Kleinstverlag »dead language press«, in dem er eigene Gedichte ebenso wie Werke von befreundeten Künstlern veröffentlicht: handgefertigte, in kleinen Auflagen gedruckte und heute äußerst seltene Bücher und Broschüren (vgl. hier und hier, Faksimiles von etlichen Dead Language Press-Publikationen bei »mimeo mimeo«). Drei davon, alle aus dem Jahr 1962, sind Teil von Heimo Bachsteins Sammlung.

> »Year« von Angus MacLise, dem ersten Perkussionisten von The Velvet Underground, ist ein mehrfach gefalztes, wie ein Akkordeon gefaltetes Blatt, in dem jede der 12 Seiten für einen Monat des Jahres steht. 365 Worte, Sentenzen, semantische Splitter, ein eigenzeitlich lyrisches Kalendarium. Mit MacLise, war Heliczer seit der High School eng befreundet. Hier hat jemand den Text in 365 Einträgen für Twitter adaptiert. Musik von MacLise hier, weitere Hinweise hier.

> »The First Battle of the Marne« versammelt einige von Heliczers eigenen Gedichten.

> Jack Smiths »The Beautiful Book« wirkt mit seinen Fotografien aus der queeren New Yorker Bohème wie ein Making of zu The Flaming Creatures. (siehe auch hier)

In Heliczers Post an Bachstein ist nachzulesen, wie die Dinge 1970 für den Preis von 10 Dollar in Bachsteins Besitz gelangten. »i only seem to have two copies left of jack smiths book so i will have to charge you six dollars«, schreibt Heliczer, atemlos ohne Punkt und Komma, mit Poststempel vom 22. Juli, aus Préaux du Perche, »i am sending you a bundle of dead language items including one of our old catalogues year is two dollars and my book is two dollars so send me ten dollars and we will be quits […] please send the money right away as we are rather hungry these days.« Einige Wochen später, am 14. August 1970, mit Briefkopf und selbstgestaltetem Logo der Paris Filmmakers Cooperative: »I am surprised you kept me waiting so long for the money, this is very bad of you as we are both very very poor«. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass die Objekte heute ein Vielfaches an Wert haben dürften.

In diesem Brief ist auch die Rede davon, Heliczers Filme im Herbst 1970 im Corso-Kino in Würzburg zu zeigen. Ob daraus etwas wurde, ist nicht bekannt.

[1] Jonas Mekas: Movie Journal. The Rise of a New American Cinema, New York: MacMillan 1972, S. 208.

[2] The Secret Life of Piero Heliczer. Marisabina Russo speaks with Gerard Malanga, in: A Purchase in the White Botanica. The Collected Poetry of Piero Heliczer, hg. von Gerard Malanga und Anselm Hollo, New York: Granary Books 2001, S. 145.


Heliczer_Paris_Cooperative

Die in der Ausstellung gezeigten Exponate sind Bestandteil mehrerer Konvolute zum »New American Cinema« in Heimo Bachsteins Sammlung. In verschiedenen Mappen finden sich ohne erkennbare Binnensystematik Briefe an Verleiher und Kooperativen wie Canyon Cinema oder die New York Filmmakers’ Cooperative, an Filmemacher wie Jack Smith, Bruce Baillie, Carmen D’Avino oder Bruce Conner. Mit Hinweis auf das Archiv, das er aufbaue, bittet er jeweils um Fotos, Filmkader und sonstiges Material aus dem Umkreis der Produktionen oder fragt, wie er die Filme selbst erwerben könne.

Zu vermuten ist, dass Bachstein durch die Internationale Filmwoche Mannheim auf die amerikanische Film-Avantgarde gestoßen ist. Das Festival spezialisierte sich früh auf experimentelle, nicht-narrative Formen. 1972 lernte Bachstein dort Adolfas Mekas kennen, der in der Jury saß.

Bisherige Archiv-Funde: Die ersten Jahrgänge von Andy Warhols Zeitschrift Interview (1969-1970), 12 Ausgaben Canyon Cinemanews, Einzelhefte von Film Culture, diverse Korrespondenzen.

Volker Pantenburg

Hier der Link zum Ausstellungs-Flyer zum Ausdrucken und Nachlesen: Piero Heliczer und die Dead Language Press (PDF, 3,9 MB)

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