Auf deFWU Schachtelm Deckel der kleinen grünen Plastikschachtel im Magazin der Weimarer Universitätsbibliothek prangt das Emblem der FWU. Inmitten der Dokumente, Fotos, Poster des Cineasten Heimo Bachsteins liegt hier ein kleines Stück Zeitgeschichte. Denn hinter diesem Kürzel steckt ein Fundstück aus der frühen deutschen Nachkriegs-Mediengeschichte.

Das 1945 gegründete „Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht gemeinnützige GmbH“ beschäftigt sich in Deutschland bis heute mit der Produktion von audiovisuellen Arbeitsmaterialien für schulische und erzieherische Lehrpläne. Seit 70 Jahren besteht die Medieninstitution bereits und produziert jährlich ca. 65 neue Titel.[1]

Öffnet man die Schachtel, so kommen 13 Kleinbild-Dias zum Vorschein, die zu einer FWU-Filmproduktion namens “Wünsche“ gehören, die Walter Krüttner im Auftrag des FWU drehte. Auf jedem dieser Schwarz-Weiß-Dokumente sind unterschiedliche Szenen zu sehen, die den Set und einzelne Produktionsschritte des Films zeigen. Sei es die Beleuchtung, das Kamerateam oder der Tonmeister bei seiner Arbeit – all diese Elemente wurden auf den Momentaufnahmen festgehalten, um zu dokumentieren, welche Schritte beim Dreh eines Films im Fokus stehen. Es ist zu erahnen, welcher Faszination Bachstein erlag, als er mit dieser Bildgeschichte sein persönliches Archiv erweiterte. Es wird allerdings auch erkennbar, dass die grüne Schachtel selbst als Archiv fungiert. Sie hält die kleinen Dias als Serie zusammen und verwahrt sie.

Dia 1. der DrehstabDer Film „Wünsche“ hatte im Oktober 1962 in Mannheim auf der Internationalen Filmwoche Premiere. Hierbei geht es um die 17-jährige Kathrin, die ihrem großen Traum nachgeht, Schauspielerin zu werden und aus diesem Grund an einem Filmwettbewerb teilnimmt. Es wird die Reise einiger Jugendlicher aufgezeigt, die danach streben, ihren Lebenstraum zu erfüllen und ihre Namen im Showbusiness zu etablieren. Hierbei transportiert der 25-minütige Film besonders das Lebensgefühl der frühen 60er Jahre.
Der Mann, der dieses Projekt als künstlerischer Leiter steuert, war Walter Krüttner. Der tschechische Satiriker nahm bei diesem Werk allerdings nicht nur die Rolle des Produktionsleiters ein, ergänzend hierzu war er außerdem Regisseur, schrieb das Drehbuch und übernahm das Schneiden des Films.[2]

Blickt man nun einmal auf das Erscheinungsdatum des Films „Wünsche“ (17.10.1962), wird ein historischer Moment aufgerufen. Die deutsche Filmbranche befand sich im Wandel. Denn im gleichen Jahr, acht Monate vor Erscheinen des Films, unterschrieb Krüttner mit 25 anderen Filmemachern das Oberhausener Manifest bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen.[3] Sie alle kamen zusammen, um radikale Erneuerung des Deutschen Films zu fordern und sich vom traditionellen Kino abzuwenden. Die Gruppe der Filmschaffenden forderte eine umfassende Reform der Produktionsverhältnisse, um neue, unkonventionelle und innovative Ideen realisieren zu können.[4]

Bei der Betrachtung dieses Fundes im Magazin der Universitätsbibliothek zeigt sich also mehrerlei. Die Dias sind gleichzeitig Dokumentationen von Dreharbeiten im Allgemeinen, als auch Zeitzeugen eines revolutionären Umbruchs des Deutschen Kinos. Und Heimo Bachstein lenkte als Kenner der Filmbranche seine Aufmerksamkeit ganz gezielt dorthin, wo im Kleinen etwas Großes begann. Er erkannte, dass diese Dias schon selbst eine Kunstform sind. So kommt die Serie ohne detailreiche Farbfotografie aus, denn sie nimmt die Schwarz-Weiß-Umsetzung des Films auf, um die Aufnahmen dem Film anzupassen. Bachstein war sensibel für die zentralen, aber auch peripheren Werke und Objekte und erschuf somit sein eigenes Medienarchiv – und somit seine ganz persönliche, filmgeschichtliche Dokumentation.

Nina Völker


[1] Informationen auf der Webseite des FWU: http://www.fwu.de/

[2]  Art. »Walter Krüttner«, http://www.filmportal.de (link)

[3] Vgl. dazu: Provokation der Wirklichkeit. Das Oberhausener Manifest und die Folgen, hg. Von Ralph Eue und Lars Henrik Gass, München: edition text + kritik 2012.

[4]  Das Manifest im Faksimile hier:


Exponate:

VII.1 >„ Plastikschachtel des FWU, Emblem auf dem Deckel

VII.2 > Diaserie: 13 Dias des Films »Wünsche« von Walter Krüttner, 1962

Hier der Link zum Ausstellungs-Flyer zum Ausdrucken und Nachlesen: „Wünsche“ – eine Diaserie des FWU (PDF, 2,5 MB)

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