Die Schenkung

Gen Marktheidenfeld

Wie die Sammlung Heimo Bachstein nach Weimar kam

„Ja – so machen wir’s!“ – mit diesem wörtlichen Handschlag wurde die Übergabe der filmwissenschaftlichen Sammlung Heimo Bachsteins zwischen seinem Vormund Horst Köhler und uns besiegelt. Die im Frühjahr 2010 vom IKKM-Alumnibeauftragten Wolfgang Beilenhoff an die Universitätsbibliothek Weimar vermittelte Schenkung ermöglichte die wichtige Ergänzung des seit den neunziger Jahren im Aufbau befindlichen Sammelschwerpunktes FILM.

Bereits im Spätsommer hielt der rote Wagen Wolfgang Beilenhoffs vor der Bibliothek, und wir luden einige Kisten mit bibliophilen Raritäten aus, verstauten diese im Magazin und katalogisierten sie hernach. Die Ankündigung, dass dies noch nicht alles sei, bestätigte sich, als wir – der Bibliotheksvolontär Vitalik Gürtler, der Unifahrer Michael Hündgen, Wolfgang Beilenhoff und ich – am nasskalten 8. Dezember 2010 in die Wohnung Heimo Bachsteins, Schlesienstraße 11 in Marktheidenfeld einbogen. Horst Köhler begrüßte uns und führte uns in einen mannshohen RAUM, der vom Architekten ursprünglich für das obligatorische Ehebett inklusive dreitürigem Kleiderschrank und der Standard-Schminkkonsole vorgesehen worden war. Allerdings erfuhr dieser RAUM in den letzten Jahren eine völlig andere Zuschreibung. Regale und Schränke, seien sie aus Holz, Stahl oder Pappe, standen zur optimalen Flächennutzung quer und längs gestellt, hingen verankert an den Wänden und waren beharrlich um die neueste, meterhoch aufgetürmte Verpackungskultur mit Preisangabe ergänzt worden. Alle Dinge, die wir von Heimo Bachstein besitzen, stammen aus diesem RAUM. Nachdem wir die Bücher und Zeitschriftenhefte in unseren dreißig Umzugskisten und diese im Kleintransporter – treppauf treppab – platziert hatten, beschlich uns das ungute Gefühl, dass der RAUM nicht wirklich lichter geworden war. Beim Öffnen der Schränke und Schubkästen war unsere Mission „Rettet Kulturgut“ eindeutig: Schritt 1: soviel als möglich einzuladen und Schritt 2: nochmals an diesen Ort zurückzukehren. Entscheidend kam hinzu, dass die Wohnung noch vor dem Weihnachtsfest für die Neuvermietung zu räumen war und wir entsprechend rasant handeln mussten. Gesagt – getan. Die für den ersten Teilauftrag notwendigen 230 Kilometer der Rückfahrt absolvierten wir tapfer in einem nun sichtbar tiefergelegten Fahrzeug, mit ergonomisch grandios gestellten Kisten zur Fußablage oder Schächtelchen, die beim Bremsen schon mal im Genick landen konnten. Aber: wir waren umhüllt von publizierter Filmgeschichte. Für die Erfüllung des zweiten Teilauftrages organisierte Wolfgang Beilenhoff zusammen mit dem wissenschaftlichen IKKM-Mitarbeiter André Wendler einen Transporter und auch der Bibliotheksdirektor Frank Simon-Ritz unterstützte das Vorhaben. Am 14. Dezember 2010 starteten André Wendler und ich die zweite Tour. Trotz vereister Straßen herrschte in der Fahrerkabine fast schon Goldgräberstimmung, gespickt mit Erzählungen vom cineastischen Eldorado. Gehypt angekommen und eingeparkt, betraten wir den RAUM und sortierten gemeinsam mit Wolfgang Beilenhoff und Horst Köhler Agenturfotos, Presseinfos, Plakate, Platten, Filmrollen, Korrespondenzen, Visitenkarten, Briefmarken, Materialsammlungen. Wir beschleunigten unsere Schürf-Frequenz, als ein Mitarbeiter des hiesigen Sozialamts im Türrahmen stehend bereits die Größe des Müllcontainers berechnete. „Nein, nein, das nehmen wir noch mit!“ – Ja, so war es. Und auf der Heimfahrt schien tatsächlich die Sonne in unseren, von dramatischen Filmgeschichten beseelten Nuggets-Dialog.

Gern hätten wir uns bei Heimo Bachstein persönlich bedankt und ihn zu seiner Sammlung interviewt, aber aus Rücksicht auf ihn, der zu dieser Zeit bereits im Seniorenheim lebte, wurde uns davon abgeraten. Wir sind diesem Anliegen nachgekommen. Kurze Zeit nach der Übergabe verstarb Heimo Bachstein.

„Wenn Herr Bachstein wüsste, was wir hier tun, was würde er tun?“ – so die Frage einer Studentin, nachdem sie im Rahmen des von Volker Pantenburg im Sommersemester 2015 ausgerichteten Seminars „Archiv und Cinephilie. Eine Recherche im Nachlass Heimo Bachsteins“ den Bachsteinschen 16-mm-Film „PING PONG“ aus dem Jahre 1972 in einer Kiste entdeckt hatte. – Unsere Antwort ließ keine Sekunde auf sich warten: „Ja, er würde sich freuen. Was gibt es Besseres.“

Katrin Richter, Fachreferentin Medien- und Kulturwissenschaften, Philosophie, Soziologie der Universitätsbibliothek der Bauhaus-Universität Weimar, 8. Mai 2015

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